Die Goldberg-Variationen

Ein Blog über eine monumentale Komposition

Mrz 15 2009

Kosmologische Goldberg-Variationen

Veröffentlicht von pt um 13:50 in Architektonisches

Gibt es ein übergeordnetes Bauprinzip, das den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach zu Grunde liegt? Die Frage beschäftigt immer noch Musikforscher und hat einige interessante Antworten hervorgebracht. Das Gesamtwerk beginnt und endet mit der Aria. Die 30 Variationen sind in zwei Hälften eingeteilt (1-15, 16-30), was man aus der mit Ouvertüre bezeichneten 16. Variation schließen kann. Schaut man sich die Reihenfolge der einzelnen Sätze an, so erkennt man leicht, dass jede 3. Variation ein Kanon ist (siehe Tab. 1, rot), und von Kanon zu Kanon setzen die Stimmen in immer größeren Intervallen ein, also Prime, Sekunde, Terz, Quarte, usw. bis zur None. Die 30. Variation ist das Quodlibet, ein vierstimmiger Kanon, der auf den Melodien zweier Volkslieder basiert.


Tab. 1: Sätze der Goldberg-Variationen

Satz Metr. Man. Stim. Notiz
Aria 3/4 1 3 melodisch, wie eine
Sarabande
Variatio 1 a 1 Clav 3/4 1 2 hand-crossing
(eine Polonaise?)
Variatio 2 a 2 Clav 2/4 1 3 imitativ, wie Trio-Sonate
Variatio 3 Canone all’Unisuono a 1 Clav 12/8 1 3 Kanon in der Prime
Variatio 4 a 1 Clav 3/8 1 4 imitativ
Variatio 5 a 1 o ver 2 Clav 3/4 1 / 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 6 Canone alla Seconda a 1 Clav 3/8 1 3 Kanon in der Sekunde
Variatio 7 a 1 o vero 2 Clav 6/8 1 / 2 2 al tempo die Giga
Variatio 8 a 2 Clav 3/4 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 9 Canone alla Terza a 1 Clav 4/4 1 3 Kanon in der Terz
Variatio 10 Fugette a 1 Clav 2/2 1 4 Fughetta
Variatio 11 a 2 Clav 12/16 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 12 Canone alla Quarta a 1 Clav 3/4 2 3 Kanon invers in der
Quarte
Variatio 13 a 2 Clav 3/4 2 3 melodisch, wie Sarabande
Variatio 14 a 2 Clav 3/4 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 15 Canone alla Quinta a 1 Clav 2/4 1 3 Kanon invers in der
Quinte, moll
Variatio 16 Ouverture a 1 Clav 2/2
3/8
1
1
2-4
2-3
Ouverture gefolgt von einer
Stretto Fuge
Variatio 17 a 2 Clav 3/4 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 18 Canone alla Sexta a 1 Clav 2/2 1 3 Kanon in der Sexten
Variatio 19 a 1 Clav 3/8 1 3 Menuett?
Variatio 20 a 2 Clav 3/4 2 2 hand-crossing, Duett
Variatio 21 Canone alla Settima a 1 Clav 4/4 1 3 Kanon in der Septime, moll
Variatio 22 a 1 Clav 2/2 1 4 allabreve, Gavotte?
Variatio 23 a 2 Clav 3/4 2 2-4 hand-crossing, Duett
Variatio 24 Canone all’Ottava a 1 Clav 9/8 1 3 Kanon in der Oktave
Variatio 25 a 2 Clav 3/4 2 3 adagio arioso, moll
Variatio 26 a 2 Clav 18/16 2 3 hand-crossing, sarabande?
Variatio 27 Canone alla Nona a 2 Clav 6/8 2 2 Kanon in der None,
Rundkanon
Variatio 28 a 2 Clav 3/4 2 2-4 hand-crossing, Triller
Variatio 29 a 1 o vero 2 Clav 3/4 1 / 2 2-3 hand-alternierend
Variatio 30 Quodlibet a 1 Clav 4/4 1 4 Quodlibet
Aria 3/4 1 3 wie die erste

Doch man könnte noch mehr Bauprinzipien entdecken, wie David Humphrey von der Cardiff University gezeigt hat. Er schrieb 1984 in einem Artikel1) über die kosmologische Allegorie in Bachs Goldberg-Variationen. Darin behaupte er, dass es neben dem Kanon-Zyklus noch zwei weitere gibt: den Planeten-Zyklus und den Virtuosen-Zyklus. Letzterer bezeichnet die Variationen, die einen vordergründig virtuosen Aspekt haben: Nr. 5, 8, 11, 14, 17, 20, 23, 26, 29. Der Planetenzyklus ist eine musikalische Allegorie zwischen den Goldberg-Variationen und dem Aufstieg durch die neun Sphären des ptolemäischen Weltbilds. Im ptolemäischen Weltbild, auch geozentrisches Weltbild genannt, steht die Erde im Mittelpunkt des Universums. Um die Erde kreisen der Mond, die Planeten, die Sonne und die Fixsterne. In der Barockzeit war die Affektenlehre sehr verbreitet, in der musikalische Ausdrucksmöglichkeiten bestimmten Affekte (Gemütszustände) wie Leidenschaft, Begierde, Zuneigung oder Liebe zugewiesen wurden. Beispielsweise wurde einer Tonart ein Affekt zugewiesen. Humphreys hat nun den Gestirnen des ptolemäischen Weltbilds bestimmten Affekten zugeordnet, und anschließend jede Variation mit einem Gestirn verknüpft (siehe Tab. 1), und zwar wie folgt:


Tab. 2 Varationen, Gestirne und Affekte
2)

Variation Nr. 4 Erde Hemiolen deuten irdische Veränderung und Untergang an
Variation Nr. 7 Mond eine transiente, unkonstante Gigue
Variation Nr. 10 Merkur Merkur (Hermes) flügelschlagend auf den Mordents
Variation Nr. 13 Venus elegant, anmutig, delikat, veredelt, sensibel
Variation Nr. 16 Sonne französischer Stil, königlich
Variation Nr. 19 Mars kämpferisch mit wütenden und sich windenden 16tel
Variation Nr. 22 Jupiter alla breve oder antiker Stil, patriarchaisch
Variation Nr. 25 Saturn melancholische Imitationen der Vergänglichkeit und Sterblichkeit
Variation Nr. 28 Fixsterne glitzernd, im Sinne von Thema-Umkehrung = Sternreflektion

Die Reihenfolge der Variationen im Planetenzyklus entspricht dabei dem Aufstieg durch die Sphären, vom Mittelpunkt Erde bis zu den Fixsternen.

Man muß sich fragen, ob Bach wirklich soviel Zeit hatte, in dieser kosmologischen Abstraktion zu denken. Unklar bleibt auch, was es mit Variation 1 und 2 auf sich hat.  Dr. Peter Williams, Professor an der Cardiff University, stellt die gesamte Allegorie in Frage, da die Zuweisung der Eigenschaften zu den Planeten sehr willkürlich geschieht. Ist es allgemein akzeptiert, dass Venus für elegant, anmutig, usw. steht? Ich wäre mir da nicht so sicher.

Quellen:
1) Humphreys, David: ‘More on the Cosmological Allegory in Bach’s Goldberg Variations’, Soundings 12 (1984-5), pp. 25-45

2) Williams, Peter: ‘Bach – The Goldberg Variations’, Cambridge Music Handbooks, p. 100

  • Joao Carlos Martins Goldberg-Variationen
  • Die Gould’schen Goldberg-Variationen
  • Bachs Handexemplar
  • Goulds Variation in der 3. Variation, dem Kanon unisono
  • Glenn Gould über Bach

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