Die Goldberg-Variationen

Ein Blog über eine monumentale Komposition

Mrz 15 2009

Die Gould’schen Goldberg-Variationen

Veröffentlicht von pt um 19:30 in Glenn Gould

Ich hörte die Goldberg-Variationen das erste Mal in der 1955 eingespielten Fassung von Glenn Gould und dachte: „genial komponiert, genial gespielt!“. Gould war damals erst zweiundzwanzig, als er das Werk einspielte. Und Gould beeindruckte mich vor allem durch Virtuosität und das für ihn typische Non-Legato-Spiel, das so wunderbar auf kontrapunktische Kompositionen paßt. Dieser Beitrag soll lediglich meiner Begeisterung für Glenn Gould und Johann Sebastian Bach Ausdruck verleihen, und vielleicht kann ich den einen oder anderen neugierig machen, sich selbst von der Großartigkeit dieses Werkes zu überzeugen.

Im Jahre 1741 verlegt der Nürnberger Balthasar Schmid den vierten Teil der Klavierübung von Johann Sebastian Bach. Auf der Titelseite steht:


Clavier-Übung
bestehend
in einer
ARIA
mit verschiedenen Veränderungen
vors Clavicembal
mit 2 Manualen.
Denen Liebhabern zur Gemüths-
Ergetzung verfertigt von
Johann Sebastian Bach
Königl. Pohl. u. Curfl. Saechs. Hoff-
Compositeur, Capellmeister u. Directore
Chori Musici in Leipzip.
Nürnberg in Verlegung
Balthasar Schmids

Was so unscheinbar als Übung daher kommt, ist tatsächlich eines der schönsten und schwierigsten pianistischen Werke überhaupt und ist uns heute seit dem 19. Jahrhundert unter dem Titel „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) bekannt. Obwohl dieses Werk mit Sicherheit lange von Bach geplant war, rankt sich über die Entstehungsgeschichte folgende Anekdote, die wohl aufgrund von Angaben der ältesten Bachsöhne gegenüber dem damaligen Chronisten Johann Nikolaus Forkel gemacht wurden: „Einst äußerte der Graf gegen Bach, daß er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas munteren Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte. Für das vollendete Werk habe Bach dann einen goldenen Becher, welcher mit 100 Louisd’or angefüllt war, erhalten.“ Bei dem scheinbar unter Schlafstörungen leidenden Grafen handelt es sich um Hermann Carl Reichsgraf von
Keyserlingk (ein Eintrag in Wikipedia fehlt leider bisher). Des Grafen Hauscembalist war Johann Gottlieb Goldberg (1727-1756), der neben den eigenen Söhnen einer der talentiertesten Schüler von Bach war. Die Goldberg-Variationen also als Gute-Nacht-Musik?
Das Protokoll des 18. Jahrhunderts hätte im Falle einer Auftragsarbeit für den Grafen eine Widmung erforderlich gemacht, die aber fehlt. Auch das Bach dem bei Veröffentlichung des Werk gerade erste 12 oder 13 Jahre alten Goldberg ein solch monumentales Werk widmen würde, darf bezweifelt werden. Da Keyserlingk sich im November 1741 in Dresden aufhielt, wäre es möglich gewesen, dass Bach ihm ein handschriftlich dediziertes Exemplar überreicht oder in Aussicht gestellt hat.

Die Goldberg-Variationen basieren auf einem 32 Takte langen Fundamentalbass mit 32 Gerüsttönen, der zugleich den Umfang des Werkes determiniert: 30 Variationen, die von einer Aria am Anfang und Ende des Werkes eingeschlossen sind. Das Thema der Baßstimme wird von der Aria eingeführt und ist im Anfangsteil identisch mit dem Ostinato-Baß von Händels Chaconne avec 62 variations (HWV 442), die Bach mit Sicherheit gekannt haben muß. Vielleicht hat der schlichte zweistimmige Kanon bei ihm jene Art Kettenreaktion aus, die der Nekrolog wie folgt beschrieb: „Er durfte nur irgend einen Hauptsatz gehöret haben, um fast alles, was nur künstliches darüber hervor gebracht werden konnte, gleichsam im Augenblicke gegenwärtig zu haben.“ Über die ersten acht Takte der Aria hat Bach 14 Kanons komponiert (BWV 1087), die er als Reinschrift in sein eigenes Handexemplar des Druckes der Goldberg-Variationen notierte. Nach der Aria folgen 30 Variationen. Jede dritte Variation ist ein Kanon, alle anderen sind ein nichtkanonischer Kontrapunkt. Bei der 30. Variation handelt es sich um ein Quodlibet, in dem er die Melodien zweier Volkslieder verwendet. Zum Schluß folgt dann erneut die Aria, mit der das Werk begonnen wurde.

Für Glenn Gould stellten die Goldberg-Variationen sein Debüt als Ausnahme-Pianist dar, und die Einspielung 1955 beindruckt vor allem durch technischen Virtuosität. Sechsundzwanzig Jahre später, 1981, nimmt Gould ein zweites Mal die Goldberg-Variationen auf, diesmal in einem deutlichen langsameren Tempo. Die Gesamtspieldauer betrug 38:27 Minuten (1955) gegenüber 51:15 Minuten (1981). Das Fehlen von Sätzen in langsamen Tempo war ein Grund für Goulds erneute Aufnahme. Der andere war das Fehlen eines Grundpulses über das Gesamtwerk hinweg. Natürlich ging es nicht darum, alles im gleichen Tempo zu spielen, sondern ausgehend von einem Grundpuls die einzelnen Satztempi mittels Multiplikation oder Division festzulegen. Die einzelnen Variationen fließen förmlich dahin. Eine weitere, wenn auch vielleicht weniger wichtige, Besonderheit ist die starke Betonung der Bassstimme.

Das folgende Video zeigt Glenn Gould 1981 bei der Aufnahme der Goldbergvariationen.

Folgende CD’s kann ich empfehlen:

  • The 1955 Goldberg Variations – Birth of a Legend
    Glenn Gould bei Sony Classical
  • Goldberg Variations BWV 988, 1981 Digital Recording
    Glenn Gould bei Sony Classical

Bei stern.de-shortlist findet man eine Liste von Aufnahmen anderer Interpreten.

Verwendete Quellen:

  • The Glenn Gould Reader
    Autor: Tim Page, Verlag: Random House
    ISBN: 0-67973135-0
  • Johann Sebastian Bach
    Autor: Christoph Wolff, Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
  • J. S. Bach Goldberg Variationen BWV 988
    Autor: Wolff/Dreyfus, Verlag: Wiener Urtext Edition

Weiter Hörempfehlung fand ich hier:

  • DigitalVD: Eine Einspielung von Evgeni Koroliev
  • Bachs Handexemplar
  • Glenn Gould spricht mit Tim Page über die Goldberg-Variationen
  • Joao Carlos Martins Goldberg-Variationen
  • Kosmologische Goldberg-Variationen
  • Umfangreiche Notensammlung im Capella-Format

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