Die Goldberg-Variationen

Ein Blog über eine monumentale Komposition

Mai 22 2009

Romanze mit einem Dreibeiner

Veröffentlicht von pt um 17:41 in Literatur

“Romanze mit einem Dreibeiner” – bezeichnender hätte Katie Hafner, eine Korrespondentin der New York Times, ihr kürzlich erschienenes Buch über Glenn Gould’s Beziehung zu seinem Flügel, dem legendären CD 318 von Steinway, nicht nennen können. Diese Buch ist keine typische Biografie über Glenn Gould, und das ist auch gut so. Ein weiteres Werk dieses Literatur-Genres über Glenn Gould wäre nach den Klassikern von Kevin Bazzana und Michael Stegemann überflüssiges, ja gar hoffnungslos. Katie Hafner tat also gut daran, eine Buch über Gould aus einer völlig anderen Perspektive zu schreiben. Es geht um Steinway-Flügel, Klavierstimmer und Goulds Obsessionen.

Gould bevorzugte stets einen cembalesk klingenden Flügel mit einer sehr leichtgängigen Mechanik. Zuhause spielte er seinen geliebten Chickering-Flügel, der jedoch für das Konzertieren zu klein war. Lange hat er nach einem Steinway-Flügel gesucht, der sich ähnlich leicht wie sein Chickering spielen läßt, doch es hat lange gedauert, bis er diesen endlich und eher zufällig gefunden hatte. Nach dem er in der Steinway-Niederlassung so ziemlich alle Konzertflügel der Steinway CD-Modellreihe ausprobiert hatte, glaubte er selbst nicht mehr daran, fündig zu werden. Als die Konzertabteilung des renommierten Kaufhauses Eaton’s in Toronto Gould bat, den alten Steinway-Flügel im Eaton Auditorium auszuprobieren, war das Wunder geschehen – der CD 318, so die Steinway-Seriennummer des besagten Flügels, war genau das Instrument seiner Träume. Zusammen mit seinem “persönlichen” Steinway-Stimmer Verne Edquist machten sie sich daran, den CD 318 immer weiter zu verfeinern, bis er Goulds taktilen Ansprüchen genügte. Während der 60er-Jahre hat Gould die meisten seiner Bach-Aufnahmen damit eingespielt. Die Mechanik war so leichtgängig eingestellt, dass einige Tasten Töne  mit einer Art Echo-Ton produzierten. Das hing natürlich mit den verkürzten Hammer-Wegen zusammen, denn anders wäre die extreme Leichtgängkeit der Tastatur nicht zu erreichen gewesen. Doch diese unerwünschten Geräusche störten Gould nicht weiter. Er zog ein perfekt passendes taktiles Spielgefühl einer perfekten Tonvorstellung vor. Die Echo-Töne waren so deutlich zu hören, dass man bei der Aufnahme der Bach’schen Inventionen und Sinfonien im Begleittext des Albums sich dafür erklärend äußerte.

Mit dem CD 318 nahm es in Anfang der 70er-Jahre ein jähes Ende. Bei einem Klaviertransport ist der CD 318 einige Meter in die Tiefe gestürzt und trug einige nicht mehr reparable Schäden davon. Glenn Gould versuchte einige Jahre lang noch den Flügel zu retten, doch vergebens. Eine verschobene Mechanik und ein großer Riss in der Gußeisen-Platte waren zuviel.

In dem Katie Hafners Buch erfährt man nebenbei eine ganze Menge über die Firmengeschichte von Steinway & Sons und den Bau von Flügeln. Quasi als Ironie des Schicksals muss man feststellen, dass seine berühmtesten Bach-Aufnahmen, die Goldberg-Variatonen, nicht mit dem CD 318 eingespielt wurden. Die Goldberg-Variationen der Aufnahme aus dem Jahr 1955 wurden mit einem anderen Steinway aufgenommen, da Gould bis dahin dem CD 318 noch nicht begegnet war. Die Goldberg-Variationen aus dem Jahr 1981 konnten nicht mit dem CD 318 eingespielt werden, da dieser zerstört war. Letztere Einspielung war noch nicht einmal mit einem Steinway vorgenommen worden, sondern mit einem Yamaha-Flügel – sehr zum Ärger der Firma Steinway, die das als offiziellen Akt der Trennung mit Gould auffassten.

Katie Hafner ist mit diesem Buch ein spannendes, lehrreiches und unterhaltsames Buch gelungen. Absolut empfehlenswert für alle, die Glenn Gould lieben. Weitere Informationen findet man auf ihrem Blog zu diesem Buch.

  • Glenn Gould spricht mit Tim Page über die Goldberg-Variationen
  • Die Goldberg-Variationen für Violine, Viola und Cello
  • Die Gould’schen Goldberg-Variationen
  • Goldberg: Variations
  • Glenn Gould über Bach

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